°still
In °still erleben die Teilnehmenden einen Audiowalk mit mehreren Hörstationen. Klassisches Instrumentarium und Vokalstimmen geraten als „Kulturprodukte“ in zerbrechliche Konfrontationen mit Naturaufnahmen aus deutschen Wäldern, welche das umherwandernde Publikum umgeben. An den Hörstationen sind als „Lichtungen“ Videoscreens installiert, auf welchen Jugendliche mit ihrer Haltung zum Klimawandel als qualitative Interviewfragmente das Geschehen flankieren.
°still reflektiert den Stillstand und die Verwüstung, welche sich in der auferlegten Stille für die Musik in der Pandemie ergab: Kulturell Gewachsenes wurde desolat. Das Stück macht die Zustände der Zerstörung von Musikkultur erfahrbar, das innere Verstummen und auch die Leere, die zurückbleibt, selbst wenn gelebte Kultur endlich wieder möglich wird.Das Werk arbeitet mit dem, was wir immer noch haben – selbst in disruptiven und verstörenden Verläufen: unser gemeinsames Handeln und das Aufeinanderbezogensein.
Das Stück °still ist für eine Aufführung in einem großen Raum gedacht, in welchem das Publikum aufgeteilt in (nacheinander eintretenden) Kleingruppen von einem Audioguide eingelassen wird. Auf zuvor markierten und gegen Trittschall mit Matten ausgelegten Wegen sind neun Stationen für ein ‚Innehalten‘ (laut Partitur) mit Sitzgelegenheiten eingerichtet. Die Stationen ermöglichen unterschiedliche Blickrichtungen und Hörperspektiven auf das Gesamtgeschehen. Der Ablauf gliedert sich in abwechselnde, unterschiedlich lange Phasen des Abschreitens der Wege und des Innehaltens an den Positionen. Jede Gruppe steigt zu unterschiedlichen Zeitpunkten in das Stück ein, welches mehrfach nahtlos aufeinanderfolgend wiederholt wird. Die Komposition ist in diesem Sinne musikalisch zirkulär angelegt.
The Planting Chronicles
In Planting Chronicles erhält das Publikum die Möglichkeit, umherwandernd eine „Orchesterlandschaft“ zu erkunden, indem es an verschiedenen dafür gestalteten Hörpositionen die Perspektive auf einen sehr räumlich verteilten Klang verändern kann. Von sehr nah an den Instrumenten bis sehr weit entfernt von ihnen wird eine Raumskala erfahrbar, in welcher die eigene Verortung und die Relativität der eigenen (Hör-)Position zum musikalischen Parameter wird.
Die Musik lässt sich vielleicht mit den Gebäuden des Architekten Frank Lloyd Wright vergleichen: Sie arbeitet mit dem (Bau-)Material der Umgebung und passt sich der Naturlandschaft (in Form, Farbe und Funktion) quasi-symbiotisch an. Planting Chronicles ist ein akustischer Beitrag zur Environmental Art bzw. Land Art, sie steht wie eine verwitternde Skulptur in der Landschaft. Gleichzeitig transformiert und verwandelt sie aber temporär ihre Umgebung: die erklingenden Gebäudeteile und die Klangorte im Park werden zu einer Art neuem, fremden Organismus, welcher sich in einem Lebensraum bewegt, verschiedene Lebensstadien durchläuft und in eine gleichsam (fein-)stoffwechselhafte Interaktion mit der Umgebung tritt.
Das musikalische Material der Komposition ist partizipativ und kollaborativ in kreativem Austausch mit den semiprofessionellen Laien entstanden und wurde spezifisch-originär für sie entwickelt. Die komponierte Musik passt sich so wie im klangökologischen Sinne der Landart an die „Umgebung“ (hier die Stadtkappelle Lahr und die Laienmusik im ländlichen Raum) an. Sie entwickelt sich aber symbiotisch „aus ihr heraus“, um kreativ zu interagieren mit anderen musikalischen Schichten. Es handelt sich demnach nicht mehr um vermeintlich „pädagogisch motivierte“ Neue Musik für Laien, sondern um ein Drittes, Alternatives, welches sich aus der symbiotischen Interaktion ergibt und über sich hinaus wächst in verschiedene Richtungen, die für alle an dem Prozess Beteiligten neue Erfahrungen bedeuten: Profimusiker des Ensemble Aventure leiten dabei Kleingruppen in Workshops an und treten innerhalb des Stückes mit ihnen in musikalische Interaktion durch solistische Partien.
Die Faktur der Komposition changiert zwischen (flächig-textureller) Konzertinstallation und punktuell-konzentrierten Klangorten, die entfernt an die cori spezzati der venezianischen Schule denken lassen – hier allerdings sehr viel brüchiger und heterogener in ihren Klangfeldern. Der Prozess eines metaphorischen „Klang-Gärtnerns“ wird zum gestaltbildenden Prinzip des Stückes. Die musikalischen Strukturen aller Teile basieren auf einer einzigen Zahlenreihe, die gleichsam als Bauprinzip bei allen Entscheidungen gestaltend wirkt, in unzähligen Verwandlungen und Gestalten erscheint und organische Wachstumsprozesse und jahreszeitliche Lebenszyklen abbildet. Der gesamte Zyklus ist wie eine Jahreslauf, welcher vom Publikum buchstäblich einmal durchlaufen wird, um am Ende wieder zum Beginn des nächsten Zyklus anzukommen.
Planting Chronicles ist ein partizipativer Prozess, ein begehbares Orchesterstück und ein Zustand relationaler Ästhetik mit klangökologischer Dimension: Es geht mir um das Schaffen eines Erfahrungsraumes für besondere, temporäre soziale Beziehungen, in welchen nicht die Teilnehmenden vereinzelt werden, sondern miteinander in Kontakt kommen können und die Umgebung auf neue, andere Weise wahrnehmen können. Nicht neue Welten werden dabei vor das Publikum gestellt, sondern die gegebene Welt soll auf eine bessere (schönere) Weise bewohnbar werden – mindestens für die gestaltete Zeit im gemeinsamen Hier und Jetzt der musikalischen Aufführung des klangökologischen Erfahrungsraumes.
Travel Diary
Sowohl die Hörenden als auch die Performer*innen sind in Travel Diary von sehr konkretem musikalisch-assoziativen Hörsituationen umgeben (die Soundfiles der DAYS). Die einen reagieren innerlich perzeptiv – mit inneren biographischen Antworten, Erinnerungen, Gefühlen; die anderen auf ihren Instrumenten unmittelbar auf das Gehörte.
Gemeinsames Hören wird spürbar als aktive, kollektive Antwort vieler im Raum Anwesenden. Manches davon wird subtil artikuliert, wahrnehmbar und führt zu einer sehr feinen Rückkopplung: Nicht nur das Gehörte wird gehört, sondern auch das Hören. So verändert sich die Situation und das gehörte Soundfile gleichsam durch lebendige, psychologische Filterung, die als „Umraum“, Atmosphäre oder Aura die komponierten Klänge zu umgeben beginnt.
Das Werk richtet sich an verschiedenen Richtungen aus: Zunächst an die Szene der Zeitgenössischen Musik mit dem Ansatz einer partizipativen Integration von Laien und Publikum als eine kommunikative Schicht in einem – somit erweiterten aber auch problematisieren – Werkzusammenhang. Es richtet sich in diesem Sinne auch an interessierte Laien, die in einen experimentierfreudigen, ausführenden Kontakt mit Musik kommen können und eine (potenziell) neue performative Selbsterfahrung bei der präsenten Mitwirkung auf einer Bühne in einem inszenierten Zusammenhang erleben können.
Durch die Ebene der Field-Recordings richtet sich das Stück auch an die Community der Soundart. Hier werden Samples "verkörpert" und szenisch überformt und akustisch durch die sensibel auskomponierten Geräuschaktionen der Live-Spieler*innen kommentiert und erweitert. Das Werk eignet sich sowohl zur szenischen also auch zur traditionellen Konzertaufführung (in üblichen Konzerthäusern) und richtet sich somit an eine variable dramaturgische Interpretation.