Uraufführung der Hybridfassung vom 2.10.2020

PERIPLUS

 

Für ePlayer-Klavier und performative*n Pianist*in

 

(2018 - 2020)

 

Beschreibung: THESAUROS:bis 2014-WICHTIG:Dokumente 2012 - 14:ds-klein.jpg

Periplus ist ein neues Werk, welches ich als einen Entwurf einer virtuellen und hybriden Musik in digitalisierten Kontexten verstehe. Als Fixed-Media besteht es aus einem sehr dichten und komplexen Gewebe einzelner Samples, welche ich über viele Jahre an unterschiedlichen Orten aufgenommen habe. Sie wurden wie ein überdimensionales Mosaik zu einem "virtuellen Klavierstück" zusammengesetzt. Fast jeder Ton, jeder Klang des Stückes ist besonders mikrophoniert aufgenommen, einzeln editiert und bearbeitet. Aus ihnen entstanden am Computer räumliche Klangszenen und Figuren. Mit Kopfhörer und geschlossenen Augen treten wir beim Hören in eine Illusion ferner und naher Szenen und unterschiedlich „naher“ Klaviermusik ein – metaphorisch als ein Durchwandern, Umherschweifen durch nahe und ferne Räume. In diesem Sinne ist der Titel Periplus wie ein metaphorischer Reisebericht einer Umsegelung /Umschiffung der digital-virtuellen "Meere der Möglichkeiten" zu verstehen.

Periplus ist eine virtuelle Polyphonie der Illusionen und des Phantasmagorischen, ein metaphorisches Trugbild der Umseglung einer Welt als Klaviermusik mit einer subjektiven Karte (der Partitur), welche das Umschiffen der Küsten des Vertrauten und Unvertrauten ermöglicht. Es ist eine Musik über die Schwierigkeiten der Orientierung, der Navigation und über die Kategorien Ferne und Nähe. Die Komposition entstand vollständig am Laptop auf Reisen in den Jahren 2018/19 nach proportional konstruierten Verlaufsplänen aus unzähligen Klavieraufnahmen der letzten fünfzehn Jahre, in denen ich auf unterschiedlichste Weise versuchte, Räume abzubilden: imaginäre – im Sinne von Orten der Erinnerung oder Geistesgeschichte – aber auch reale, etwa durch besondere Mikrophonierungen und Abstände zu unterschiedlichen – teils historischen – Klavierinstrumenten.

 

Das Werk lässt sich auch in diesem Sinne als virtuell bezeichnen, als es eine reale Aufführungs-performanz vortäuscht: Es existiert medial (in ursprünglicher Bedeutung also als Abbild) bereits vor seiner realen Uraufführung (d.h. ohne das „Original“ physikalischer Performanz). Die Interpret*innen einer Liveaufführung entscheiden auf Basis der präexistenten Fixed-media-Fassung, welche Elemente sie in eine Live-Interpretation gleichsam zurücküberführen. Torsohaft werden Abbilder (Samples) in Originale (Live -Aktionen) des Hier und Jetzt rückgewandelt. Diese Auswahl stellt einen skulpturalen interpretatorischen Akt dar. Dies entsteht, da im Werk ausschließlich unbearbeitete Klavierklänge und Geräusche der unmittelbaren Musikausübung als Samples Verwendung finden, die fast alle ebenso live erzeugbar sind. Der Prozess der ursprünglichen Aufnahme wird gleichsam umgekehrt, indem die Aufnahme wieder in ein Original abgebildet wird (welches die Kopie imitiert).

 

Periplus täuscht Räume und Zeiten als vergangene und fern-fremde im Sinne einer radikalen spätzeitlichen Intertextualität vor, aber auch reale Räume einer binauralen Simulation (wenn es über Kopfhörer gehört wird). Wenn, wie in Periplus, das Live-Spiel auf der Bühne durch Samples flankiert wird, welche aus Klavieraufnahmen aus großer Entfernung bestehen (Foyers, angrenzende Räume), wird die raumakustische Wahrnehmung des realen Konzertsaals virtuell um angrenzende Räume ergänzt und die Fokussierung und Raumortung auf der Bühne destabilisiert. In hybriden Zuspielsituationen, in welchen zudem nicht mehr eindeutig wahrnehmbar unterschieden werden kann, was live und was als Sample zugespielt ist, wird der Aspekt der Echtheit ontologisch destabilisiert. Zugleich wird jedoch die Wahrnehmung bei diesem Versuch der Unterscheidung potenziell geschärft. Insgesamt wird ein akustischer Vorder-, Mittel- und Hintergrund (im Sinne der akustischen Photographie) erfahrbar und der Faktor der räumlichen Distanz zum Kompositorischen erhoben. Wird ein Klang oder eine Partie durch mehrere Mikrophone in unterschiedlicher Positionierung zur Klangquelle aufgezeichnet und diese Spuren zeitlich versetzt als Varianten eingesetzt (durch Jump Cuts), entsteht eine „Raumfarbe“ aus Variationen der Hörposition. Der farbliche Aspekt entsteht durch die unterschiedliche Aufzeichnung der Richtcharakteristik und gegebenenfalls der „Medienfarbe“ der unterschiedlichen Mikrophone. Die Montage verschiedener solcher Raumfarben lässt eine Art „Raumfarbenmelodie“ im Sinne Schönbergs Klangfarbenmelodie denken. Zugleich sind die Fernklavieraufnahmen in Periplus Symbol und Spürbarmachung des Vergangenen: Es handelt sich um Material/-Archivquellen der Klavierliteratur. Das geschichtlich Entfernte korreliert hierbei mit der akustischen Entfernung. Letztere wird zum Symbol des geschichtlichen Abstands. Die geschichtliche Verortung, das Eingeschriebene, ist als Spur (Derrida) oder Schweif in der Entfernung gerade noch diffus wahrnehmbar.

Die Partituransichten können parallel zu den Klangdateien geöffnet und mitlesend durchgeblättert werden.

Teil 1

  1. periplus part 1

Teil 2

  1. Periplus part 2

making of